MOSKAU, 30. Oktober (RIA Novosti). Die russischen Hacker holen sich nach wie vor den Titel der cleversten und aktivsten Cyberverbrecher der Welt ein. "Unser Land hat eine sehr gute mathematische Schule, die Programmisten mit hohem Niveau, darunter Hacker, ausbildete", sagte der Vizedirektor des Instituts für Probleme der IT-Sicherheit der Moskauer Staatlichen Lomonossow-Universität, Alexej Salnikow, gegenüber der Zeitung "Nowyje Iswestija". Die starke wissenschaftliche Grundlage erlaube den russischen Hackern, originelle und verworrene Einbruchwege zu finden, sagte der Experte. "Wir verwenden so gut wie keine Musterlösungen und verstecken die Viren dort, wo die anderen das nie tun werden, also dort, wo auch keiner sucht", sagte Andrej, Hacker mit 15-jähriger Erfahrung, gegenüber "Nowyje Iswestija". Was das Einkommen der Cyberkriminellen betrifft, sagte Andrej, dass sie am häufigsten mit Kleinaufträgen verdienen, beispielsweise mit Diebstählen von ICQ-Nummern, E-Mail-Adressen und Einbruch auf Webseiten. Eine sechsstellige ICQ-Nummer kostet beispielsweise circa 20 Dollar. Doch der Preis für den Einbruch in die Daten eines Großunternehmens kann die Millionenhöhe erreichen. Es gibt keine rundum verteidigten Systeme, doch ebenso kann niemand beim Einbruch hundertprozentig anonym bleiben. Deshalb läuft der Einbrecher das Risiko, hart bestraft zu werden, daher auch der hohe Preis für den Auftrag. Die genaue Zahl der russischen Hacker kennt niemand. "Es gibt Tausende von ihnen, doch niemand kann sagen, wie viele", sagte Vitali Kamljuk, Oberanalytiker des Virenschutzentwicklers Kaspersky Lab. Auch Einbrüche in die elektronischen Bankkonten der Bürger sind verbreitet. "Oft teilen die Kontoinhaber ihre geheimen Angaben den Betrügern sebst mit, wenn sie auf die angebliche Bitte der Bank antworten, Informationen über ihr Konto per E-Mail mitzuteilen, oder mit einem besonderen Link einen Trojaner aufladen, der die Nummern der Karten direkt an die Verbrecher schickt", sagte der Programmierer Pawel Knjasew gegenüber "Nowyje Iswestija". "Ein Beispiel für solchen Betrug ist eine vor kurzem durchgeführte Massensendung, angeblich vom elektronischen System der Alfa-Bank". "Manchmal sind die Gegenspieler der Banken, die kompromittierende Materialien gegen sie finden wollen, an einem Einbruch interessiert", sagte ein Pressesprecher der Bank "Russki Standart" gegenüber "Nowyje Iswestija". "Sehr oft sind die Hacker nur ein gedankenloses Instrument in den Händen von ernsthaften Betrügern, die sich durch fremde Hirnkraft bereichern wollen. Es kommt selten vor, dass ein Programmierer gleichzeitig der Organisator eines Internet-Verbrechens ist". Auch die Lücken der russischen Gesetzgebung schaffen einen fruchtbaren Boden für den Forschergeist der Hacker. "Die russischen Cyberverbrecher fühlen sich oft unantastbar", sagte Vitali Kamljuk. "Unser Strafgesetzbuch hat drei entsprechende Artikel. Doch sie sind nur dann anwendbar, wenn das Opfer in seiner Anzeige den Schaden genau angibt. Doch wie kann ein gewöhnlicher Nutzer den Schaden einschätzen, wenn zum Beispiel sein E-Mail-Login und -Passwort aufgebrochen worden sind?" Viele russische Hackeropfer wollten sich nicht die Zeit für den Umgang mit der Polizei nehmen, sagte der Experte. Und im Westen ist ein begangenes Cyberverbrechen Grund genug für den Anfang der Ermittlung. Obwohl die russischen Hacker für ihre Cleverness berühmt sind, wollen die Experten sie nicht voreilig als gefährlichste Hacker der Welt bezeichnen. "Unsere Hacker sind sehr gescheit, können aber nicht als gefährlichste gelten", sagte Vitali Kamljuk. "Nach der Zahl der schädlichen Programme liegt China vorn, was sich aber wahrscheinlich eher durch die große Zahl der Internetnutzer in diesem Land erklären lässt". DIE SPEKTAKULÄRSTEN AFFÄREN DER RUSSISCHEN HACKER Am 22. Oktober 2007 nahm die russische und weißrussische Polizei den Organisator einer Hackergruppe fest, die mehrere virenbeladene Webseiten geschaffen hatte. Ein Besuch auf den Seiten genügte, um dem Virus Zugang zum Rechner zu verschaffen. Es fand Zugang zu den Konten in den Zahlungssystemen und leitete die Informationen an die Verbrecher weiter. Am 15. Mai 2007 wurde der 24-jährige Moskauer Igor Klopow in New York festgenommen. Er wurde angeklagt, dass er gemeinsam mit vier Amerikanern, die er angestellt hatte, die elektronischen Geldbörsen der reichsten Amerikaner nach der Forbes-Liste um 1,5 Millionen Dollar erleichtert hatte. Im Mai 2007 klagte Estland die russischen Hacker wegen einer Cyberattacke auf die Regierungsserver an: Die Webseiten des Parlaments, des Präsidenten, der Staatskanzlei, des Außenministeriums, des Verteidigungsministeriums sowie der größten Banken und Zeitungen des Landes. Die Hacker unternahmen den Angriff aus Protest wegen der Umversetzung des Bronzesoldaten, eines Denkmals für die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges. Aus den Attacken entstand ein Schaden von mehr als zwei Millionen Euro. Im März 2007 erklärte die Föderale Kommission für Wertpapiere und Börsen der US-Regierung, dass Kriminelle aus Russland und Osteuropa Dutzende Millionen Dollar von den Pensions- und anderen Anlagekonten in den USA abgehoben haben. Im Juli 2004 wurde in Russland eine Hackergruppe festgenommen, die die britische Online-Wettagentur Canbet Sport Bookmakers und eine Reihe von ähnlichen Firmen erpresste. Sie forderten Schutzgelder von den Wettagenturen und drohten Cyberattacken an. Insgesamt wurde der Schaden auf drei Millionen Dollar eingeschätzt. Im Juli 2001 wurde in Las Vegas Dmitri Skljarow festgenommen und wegen der Verletzung des amerikanischen Urheberrechts angeklagt. Er hatte beim jährlichen Hackertreffen in Las Vegas einen Vortrag über sein Programm gehalten, das die Schutzsysteme von im Internet publizierten Büchern abnehmen kann. Im November 2000 nahm die CIA in den USA zwei Hacker aus der Ural-Stadt Tscheljabinsk fest. Sie wurden wegen Eindringen in die Rechnersysteme von mehreren Unternehmen, Erpressung und unter anderem Diebstahl von 15 700 Kreditkartennummern von Western Union angeklagt. Der Schaden belief sich auf 25 Millionen Dollar. Am 8. September 1998 wurde in Moskau Ilja Gofman, Student des Moskauer Konservatoriums, festgenommen. Er hatte die Webseite eines kanadischen E-Shops aufgebrochen und das Geld der Kunden auf sein Konto überwiesen. Er konnte somit circa 100 000 Dollar stehlen. Im März 1995 wurde der Russe Wladimir Lewin in London festgenommen. Der Sicherheitsdienst der amerikanischen Citibank klagte ihn an, dass er 1994 in den Zentralserver der Bank eindrang und versuchte, mehr als 12 Millionen Dollar von den Konten der Kunden zu entwenden. Verfasser: Natalja Kortschmarek, Ruslan Girfanow. Veröffentlicht in der Zeitung "Nowyje Iswestija" am 23. Oktober 2007. Gekürzt. RIA Novosti ist für den Inhalt der Artikel aus der russischen Presse nicht verantwortlich. |
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