10:09
21/11/2009
Als Startseite festlegen  Zu den Favoriten
Russische Nachrichten-Agentur NOWOSTI
Rambler's Top100

Carla del Ponte und ihr Buch: Eine verspätete Sensation

11:18 | 09/ 04/ 2008

MOSKAU, 09. April (Andrej Fedjaschin, RIA Novosti). Carla del Ponte war von der Forderung des Schweizer Außenamtes wohl recht überrascht, "dringend" nach Buenos Aires zurückzukehren.

Die Ex-Chefanklägerin im Tribunal für Ex-Jugoslawien und heute die Botschafterin der Eidgenossenschaft in Argentinien hat sich bestimmt daran gewöhnt, dass ihr ziemlich vieles erlaubt ist.

Mit seiner Anweisung verhinderte das Außenamt die Präsentation des Buches "La Caccia. Io e i criminali di guerra" (Die Jagd. Ich und die Kriegsverbrecher) der namhaften Juristin in Mailand. "Dieses Werk enthält Erklärungen, die mit dem Amt einer Vertreterin der Regierung der Schweiz nicht vereinbar sind", betonte Außenamtssprecher Jean-Philippe Jeannerat.

Das 416-seitige Werk ist soeben im Mailänder Verlag Feltrinelli auf Italienisch erschienen. Die Englisch- und die Französisch-Übersetzung liegen druckreif vor. Darin beschreibt del Ponte ihre Tätigkeit im UN-Tribunal über Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien (ICTY) in den Jahren von 1999 bis 2007.

Für 20 Euro bekommt man eine recht langweilige Lektüre serviert, die sicherlich noch fader gewesen wäre, hätte die Autorin nicht den "New York Times"-Reporter Chuck Sudetic als Co-Autor engagiert, der der Anwältin geholfen hat, ihren trockenen Schreibstil zu überwinden.

Im Prinzip hat del Ponte darin keine großen Geheimnisse aufgetischt. Berichte darüber, dass die Kosovaren den von ihnen entführten Serben lebenswichtige Körperorgane herausgeschnitten und an Kunden im Westen verkauft haben, hatte man schon viel früher von serbischen Flüchtlingen erfahren. In den 90er Jahren war es aber "nicht angebracht" darüber zu sprechen, geschweige denn dem Glauben zu schenken.

Im Buch der ehemaligen Chefanklägerin wirken solche Offenbarungen zwar sicherlich medienwirksamer und gewichtiger, gleichzeitig entstehen aber Fragen, wieso sie bis jetzt ganz und gar nichts unternommen hat, um die Täter ausfindig zu machen und zur Verantwortung zu ziehen.

Sie behauptet allerdings, sie konnte nichts machen, weil es äußerst schwierig war, im Kosovo, wo es von "Banditen und Verbrechern" wimmelte, Beweise zu sammeln. Zeugen wurden eingeschüchtert, und vor den Kosovaren hatten selbst die Richter in Den Haag Angst. So steht es auch wortwörtlich: "Ich denke, einige Tribunal-Richter hatten Angst, die Albaner würden kommen und mit ihnen einen kurzen Prozess machen." Heute betrübe sie das unheimlich.

Russlands führende Balkan-Expertin Jelena Guskowa, Leiterin des Zentrums für die Studien zur aktuellen Balkan-Krise im Slawistik-Institut der Russischen Wissenschaftsakademie, beschreibt das Tribunal als eine ziemlich merkwürdige Institution. Sie hat bereits 2003 als Expertin an der Arbeit des Tribunals teilgenommen, als der serbische General Stanislav Galic angeklagt wurde.

"Das Tribunal wurde gebildet, um die Nato-Aktionen in Jugoslawien zu rechtfertigen", meint sie. "Die Aggression war gesetzwidrig, die ‚Legitimität' wurde aber von der Formel einer Bestrafung des im Voraus bestimmten ‚Schuldigen' abgeleitet. Die Leitung des Tribunals kennt sich im Wesen des Prozesses nicht aus, dafür bemüht sie sich darum, dass alle Fakten als Belastungsmaterial nur gegen die eine Seite dienen können.

Ich hatte überhaupt den Eindruck, dass der Anklage einfach Kenntnisse fehlen. Unter den Richtern gab es auch welche, die in Den Haag erstmals vom Balkan gehört haben. Im Den Haager Tribunal war das Resultat, zumindest für die Serben, eindeutig: Alle zu verurteilen."

Nicht verwunderlich ist auch, dass gerade Frau del Ponte mit dem Jugoslawien-Tribunal "beauftragt" wurde: Für die höchst ambitionierte Juristin war die Schweiz längst zu eng. Dank ihrer Voreingenommenheit (ihre Antipathie für Serbien und Russland hat sie nicht einmal verhehlt) war sie auch durchaus dazu geeignet, die Aufgabe des Tribunals - eine Dämonisierung der Serben - zu erfüllen.

In ihrer Karriere gab es genügend spektakuläre, unter anderem auch skandalöse politische Fälle. Leute, die nicht gerade zu ihren Sympathisanten zählen, behaupten, Carla del Ponte habe sich genüßlich in solche Fälle vertieft, weil sie wusste, dass sie damit "einen Namen machen" würde.

So hat sie in den 90er Jahren den "Fall Mabetex" aufgerollt. Damals wurden Russlands Präsident Boris Jelzin und seine Töchter beschuldigt, dieses Unternehmen bezahle ihre Ausgaben, und die Rechnungen betragen bereits über eine Million Dollar.

Es war auch del Ponte, die die Schweizer Konten der inzwischen toten pakistanischen Ex-Regierungschefin Benazir Bhutto gesperrt hat.

Wahrscheinlich wäre es auch heute nicht uninteressant, einen neuen Blick auf diese Geschichten zu werfen - niemand scheint aber, sich damit befassen zu wollen.

Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.


weitere Artikel zu diesem Thema
09:54 05/06/2008 Organhandel im Kosovo: Russland fordert Untersuchungsbericht vom UN-Tribunal
21:22 14/04/2008 Georgien will Friedenssoldaten aus dem Kosovo abziehen
11:10 14/04/2008 Wirbel um del-Ponte-Buch: Russland ruft Europarat zu Kontrolle von Ermittlungen auf
13:42 11/04/2008 Ausländische Militärpräsenz im Kosovo illegitim - Spanische Experten

  themen
Russlands Verfassungsgericht verbietet Todesstrafe
Jahresbotschaft des Präsidenten - 2009
20 Jahre Mauerfall
Wahlrennen in der Ukraine
Schweinegrippe-Gefahr
Atomstreit mit Iran
Überfall auf UN-Gasthaus in Kabul
Chavez besucht Russland
Russland-EU-Gipfel in Stockholm
weitere themen
  Sonstiges
  Рейтинг@Mail.ru   Rambler's Top100