03:09
21/11/2009
Als Startseite festlegen  Zu den Favoriten
Russische Nachrichten-Agentur NOWOSTI
Rambler's Top100

Türkei will in den Kaukasus zurück

19:16 | 22/ 08/ 2008

MOSKAU, 22. August (Ilgar Welisade für RIA Novosti). Ohne Übertriebenheit kann man sagen, dass die Ereignisse in Südossetien einen Prozess auslösen, der die politische Weltkarte verändern kann.

Im gewissen Sinne ist dieser Prozess schon im Gange, und zwar gleichzeitig in mehrere Richtungen. Jede davon ist durch ihren eigenen Rahmen begrenzt und verfolgt die eigenen Ziele, aber insgesamt bilden sie ein Ganzes und fügen sich als Puzzleteile einer neu werdenden Weltordnung zusammen.

Eine Richtung ist die jüngste Initiative des türkischen Ministerpräsidenten Recep Erdogan, der die Gründung einer Allianz für Zusammenarbeit und Sicherheit im Kaukasus vorgeschlagen hat.

Vielen Menschen mögen die unerwarteten diplomatischen Aktivitäten des türkischen Ministerpräsidenten bei der Gestaltung der sehr komplizierten politischen Prozesse im Kaukasus merkwürdig erscheinen. Betrachtet man jedoch die dortige Situation im vergangenen Jahrzehnt, so könnte die Reaktion Ankaras auf die Kämpfe in Georgien, die sich in unmittelbarer Nähe der türkischen Grenze zugetragen haben, sogar als etwas verspätet bezeichnet werden.

Im Grunde hat Erdogan erstmals laut und vernehmlich die Möglichkeiten seines Landes angesprochen, sich in die so wichtige strategische Region einzumischen. Ankara arbeitet bereits recht lange mit Georgien und Aserbaidschan an wichtigen Projekten im Kaukasus zusammen, aber seine Teilnahme an den politischen Prozessen in der Region ist kaum der Rede wert.

Indes schlägt Erdogan vor, das traditionelle Format der kaukasischen Gemeinschaft (Russland, Georgien, Armenien und Aserbaidschan) durch die Teilnahme nicht nur seines Landes zu erweitern. Das Wesen seiner Initiative erläuternd, sagte Erdogan: "Hauptziel der Bildung eines solchen Bündnisses ist die Gewährleistung des Friedens und der Energiesicherheit in einer Region, die ebenfalls eine Priorität der OSZE ist." Dieser Umstand begründet gewissermaßen auch eine Teilnahme der USA an diesem Projekt.

Erdogan selbst, der sich während der politischen Krise in der Türkei erfolgreich gegen die Rücktrittsforderungen wehrte, befindet sich in bester Verfassung. Er hat sein "second spirit" gefunden und beschlossen, die außenpolitischen Ansprüche seines Landes anzuheben, die nach Meinung vieler Türken den realen Möglichkeiten entsprechen.

In der Türkei sind viele davon überzeugt, dass der Weg des Landes zur Führungsmacht in der Region über den Kaukasus führt. Dieses Ziel vor Augen, werden die Türken bei keiner Kräftekonstellation bei Russland anecken. Im Kaukasus hat die Türkei mit Aserbaidschan einen strategischen Verbündeten. Für die Türken ist gerade dieses Land der Schlüssel zur turksprachigen Region Zentralasiens.

Wie vor kurzem ein bekannter türkischer Politologe sagte, "ist Aserbaidschan der einzige Grund, weshalb die Türkei Russland in der südkaukasischen Region unterstützt. Für Ankara ist Baku in vieler Hinsicht sehr wichtig. Erstens ist es ein strategischer Verbündeter der Türkei in dieser Region, zweitens ein nahes Land, und drittens sind es die Wirtschaftsinteressen."

Zusammenfassend sagte der Politologe Professor Suat Ataman: "Auch wenn die türkische Öffentlichkeit zu den Ereignissen in Georgien geschwiegen hat, heißt das nicht, dass sie schweigen wird, wenn etwas Aserbaidschan bedroht. Die Politik von Präsident Ilcham Alijew in der derzeitigen Kaukasus-Krise wird von Ankara begrüßt, weil er Aserbaidschan und sich auch nicht die Türkei in diesen Konflikt verwickelt hat. Deshalb wird Erdogan in Baku wahrscheinlich zur Fortführung dieser Politik raten."

Baku war nach Moskau und Tiflis die letzte Station der Reise Erdogans in die Hauptstädte der kaukasischen Staaten. Wie erwartet, wurde die Idee einer Kaukasus-Allianz mehr als reserviert aufgenommen. Bisher scheint sich niemand zu beeilen, die Idee des Zusammenschlusses von Staaten, die im Krieg stehen, allen Ernstes zu erörtern."

Im Apparat des türkischen Regierungschefs dürfte das ebenfalls eingesehen werden. Dann fragt es sich aber: Wozu war es nötig, diese Idee vorzubringen?

Die Antwort ist wohl: Damit will die Türkei offen erklären, dass auch sie das Recht auf eine Teilnahme an den Angelegenheiten der Region hat und beabsichtigt, die entstandene Situation eben zu diesem Zweck zu nutzen.

Außer Armenien unterhält die Türkei zu allen kaukasischen Staaten gute Beziehungen. Für Aserbaidschan und Georgien ist dieses Land ihr wichtigster strategischer Partner in der Region. Was Armenien betrifft, so hat die Türkei dank ihrer Initiative die Möglichkeit bekommen, mit diesem Land einen Dialog anzubahnen. Das Format eines solchen Dialogs solle, so Erdogan, mit Russlands Außenminister Sergej Lawrow erörtert werden.

Wie dem auch sei: Die Türkei hat ihre eigenen Pläne bezüglich des Kaukasus und sagt das nun mit voller Stimme. Sie will in der Region nicht mehr ein Außenseiter sein und strebt dabei eine aktivere Politik an.

Zu beachten ist, dass im September in Baku ein Gipfeltreffen der turksprachigen Staaten stattfindet. Dort werden wichtige Fragen aufgeworfen, darunter die Aussichten auf eine politische Vereinigung dieser Länder. Ohne im Kaukasus aktiv zu sein, wird die Türkei auch in Zentralasien keine wichtige Rolle spielen.

Demnach ist Erdogans Reise nichts anderes, als der Versuch zu zeigen, dass die Türkei schon jetzt präsent ist und in den Angelegenheiten in der Kaukasus-Region weiterhin eine wichtige Rolle zu spielen beabsichtige. Das ist wohl auch das Hauptergebnis aller Verhandlungen des türkischen Regierungschefs.

Vor seiner Abreise aus Baku gab Erdogan eine Pressekonferenz mit Alijew. Man hatte den Eindruck, dass beide nicht genügend Zeit hatten, um alle politischen Fragen für die Region durchzusprechen. Deshalb vereinbarten sie, das begonnene Gespräch bereits in einem Monat fortzusetzen. Erdogan ist also abgeflogen, hat jedoch seine Rückkehr versprochen.

Zum Verfasser: Ilgar Welisade ist ein aserbaidschanischer Politologe.

Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.



  themen
Russlands Verfassungsgericht verbietet Todesstrafe
Jahresbotschaft des Präsidenten - 2009
20 Jahre Mauerfall
Wahlrennen in der Ukraine
Schweinegrippe-Gefahr
Atomstreit mit Iran
Überfall auf UN-Gasthaus in Kabul
Chavez besucht Russland
Russland-EU-Gipfel in Stockholm
weitere themen
  Sonstiges
  Рейтинг@Mail.ru   Rambler's Top100