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Hamid Karzai - Wiedergeburt eines Abgeschriebenen

19:23 | 19/ 11/ 2009

MOSKAU, 19. November (Dmitri Kossyrew, RIA Novosti). Die zweite Vereidigung des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai in Kabul lief unter verstärkten Sicherheitsvorkehrungen planmäßig ab.

Staatsgäste aus den USA, Tadschikistan, Iran, Russland, Deutschland, Litauen und anderswo nahmen an der Amtseinführung von Karzai teil.

Bemerkenswert sind die Worte des russischen Außenministers Sergej Lawrow, die er bei einem Sondertreffen mit dem neu gewählten Präsidenten einige Stunden vor der Zeremonie äußerte. Lawrow sagte, dass Russland bereit sei, der afghanischen Regierung wirtschaftlich, moralisch und auch sonst beizustehen.

Während seiner ersten Amtszeit waren die Urteile der meisten Experten über Karzai, wenn auch nicht direkt des russischen Außenministeriums, ziemlich ungnädig: er sei eine Marionette der Amerikaner, dessen Macht an Kabuls Stadtgrenze endet.

Eine Zusammenarbeit mit der Regierung des Landes, das nahezu seine einzigen Einnahmen aus dem Drogenhandel bezieht und von den US-Truppen so gut wie besetzt ist, schien zwecklos. Genauso wie im ähnlich besetzten Irak war nicht zu erwarten, dass jegliche Verträge an jemanden außer den Amerikanern gehen werden.

Doch jetzt hat sich die Situation gewandelt oder ist im Begriff, sich zu verändern. Russland beginnt gerade erst, sich in Afghanistan zu engagieren. Beispielsweise will es das einst berühmte Haus der Wissenschaft und Kultur samt einer dazugehörenden Kinderklinik wieder aufbauen.

Diese Veränderungen liegen in der Luft, weil sich der jetzige Karzai als ein anderer Präsident, wie während der ersten Amtszeit entpuppen könnte. Er hat trotz vielen Bedenken unerwartet an Einfluss gewonnen.

Der Dank dafür gebührt den USA bzw. den Fehlern, die die Obama-Administration in Afghanistan bereits gemacht hat. Der Wirbel um Karzais Wahl vom 20. August und die anschließende Hysterie ist bekannt.

Doch während die meisten amerikanischen und europäischen Beobachter der Meinung sind, dass es gefälschte Wahlen eines korrupten Präsidenten waren, die die USA nicht auf den notwendigen Standard bringen konnten, scheinen die afghanischen Wähler selbst und die Nachbarstaaten an dieser Geschichte etwas völlig anderes entdeckt zu haben.

Unter Karzai entstand in Kabul und in einigen anderen Orten wieder eine verhältnismäßig wohlhabende städtische Gesellschaft. Diese Menschen haben eine Vorstellung von Wahlen. Die Mehrheit der Afghanen lebt jedoch unter einer Stammesdemokratie.

Für sie war es wichtig, zu sehen, dass Karzai von allen anderen Anwärtern der naheliegendste war. Wenn dem so ist, so muss seine Macht bei allen ihren Beschränkungen erhalten bleiben. So denken die Menschen übrigens in Dutzenden Ländern, vor allem im „Großen Nahen Osten", unabhängig davon, ob es dort „richtige" Wahlen gibt oder nicht.

Hinzu kommen noch die Versuche der Ausländer, vor allem der Amerikaner, die Wahlen anzuzweifeln und Karzai zu einer zweiten Wahlrunde zu zwingen. Diese Situation ist für einen Staatschef erniedrigend und unzulässig, doch Karzai hat gewonnen. Sein ernsthaftester Rivale, Ex-Außenminister Abdullah Abdullah, hat auf die Teilnahme an einer Stichwahl verzichtet.

Dadurch guckten die USA dumm aus der Wäsche, und Karzai avancierte zu denjenigen, die Amerika übertrumpfen konnten. Das hat seinen Ruf natürlich gesteigert.

Kurz vor Karzais zweiter Amtsantrittszeremonie wurden Fakten bekannt, die beim gegenwärtigen Chaos in Afghanistan vieles im Vorgehen von Obamas Administration erklärbar machen.

Dessen Regierung kann bekanntlich nicht entscheiden, wie es mit Afghanistan, vor allem nach den umstrittenen Wahlen, weitergehen soll. In den USA herrscht die Meinung vor, dass Karzais Regierung korrupt sei, weshalb Afghanistan stillsteht. Europa hat die gleiche Einstellung.

Es hat sich aber herausgestellt, dass einer der schlimmsten korrupten Politiker nach Meinung der Amerikaner Bergbauminister  Mohammed Ibrahim Adel sei, der Schmiergelder in Höhe von 20 Millionen Dollar dafür erhalten haben soll, dass er den Vertrag für den Kupfererzbergbau in Ainak dem Falschen zugesprochen habe - das heißt mit anderen Worten, nicht den Amerikanern.

Der Vertrag ist drei Milliarden Dollar wert. Kupfer und andere Bodenschätze können Afghanistan Opiummohn als Grundlage der gesamten Wirtschaft ersetzen. Es geht also um den Verkauf der nahezu wie wichtigsten Branche, die schließlich an ein chinesisches Unternehmen ging.

In Kabul heißt es, dass die Chinesen bei einem ehrlichen Ausschreiben viel bessere Bedingungen versprochen hätten als die Amerikaner. Nein, sagen die Amerikaner beleidigt, der afghanische Minister habe den Chinesen heimlich das Angebot der Konkurrenten gezeigt. Im Anschluss sollen die Chinesen ihre Bedingungen flugs verbessert haben. Die Situation ist jedem bekannt, der jemals an Ausschreiben teilgenommen hat.

Jetzt fällt es dem Beobachter einfacher, zu verstehen, was diese US-Kritikwelle in Bezug auf die Bestechlichkeit der afghanischen Regierung bedeutet. Genauso wie die neuesten Listen von Transparency International, die Afghanistan als zweitkorruptestes Land nach Schlusslicht Somalia einstuften.

Es kommen Gedanken auf, dass Karzai eigentlich ein recht schlauer Politiker sei, der sich Mühe gibt, allmählich zusätzliche Anhaltspunkte in der Außenwelt zu gewinnen. Das geschah übrigens schon zu jener Zeit, als George W. Bush die letzten Monate im Weißen Haus verbrachte.

Jetzt wird klarer, in welch einer verzwickten Lage sich Obamas Administration befindet, die ihren Entschluss, ob 10 000 oder 40 000 amerikanische Soldaten zusätzlich nach Afghanistan entsandt werden sollen, hinauszögert.

Es drängt sich die Frage auf, ob US-Soldaten in Afghanistan ihr Leben lassen müssen, damit Chinesen dort die wichtigsten Verträge bekommen.

Aber was ist eigentlich der Grund, weswegen sie dort ums Leben kommen?

Als Bush über den Irak-Krieg sagte, dass ehrliche Wahlen und Demokratie der einzige Grund des Krieges seien, hörte es sich maßlos zynisch an. Vor allem im Hinblick darauf, wie die Wahlen dort tatsächlich über die Bühne gingen. Doch auch Obamas Leute können nicht geradeheraus sagen, dass Demokratie gar nicht die Antwort auf alle Fragen für Afghanistan und die ganze Welt sei.

Solange die Amerikaner oder Europäer nicht vernünftig zu ihrer als Religion erhobenen Demokratie eingestellt sind und nicht aufhören, selbst Gespräche zu diesem Thema als Frevel aufzufassen, wird es weiter das Gefühl geben, dass sie immer schneller an Einfluss in der Welt verlieren.

Genauso wie es jetzt in Afghanistan geschieht.

Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der der RIA Novosti übereinstimmen.


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