MOSKAU, 08. Februar (Maria Seliwanowa, RIA Novosti). Die Modernisierung Russlands ist ohne ausländische Investitionen nicht zu bewerkstelligen. Diese These hat die russische Wirtschaftsministerin Elvira Nabiullina Ende Januar klar formuliert. Um ausländische Investitionen, vor allem Direktinvestitionen und keine Kredite, nach Russland zu locken, muss das Investitionsklima im Land verbessert werden. Die Behörden verstehen darunter ganz konkrete Maßnahmen: Senkung des Korruption, weitere Liberalisierung des Steuersystems, Investitionen in die Infrastruktur und eine ausgewogene Haushaltspolitik. Doch die Realität sieht anders aus. Wie die Teilnehmer des Forums „Russland 2010" vom 3. bis 5. Februar in Moskau sagen, sind bei der Entscheidung über Geldanlagen in die russische Wirtschaft auch andere und gar nicht makroökonomische Aspekte sehr wichtig. Die Unternehmenskreise berücksichtigen selbstverständlich den Faktor Stabilität in Russland, aber sie wollen auch zusätzliche Garantien in Form von verständlichen „Spielregeln" sowie komfortable Arbeitsbedingungen. „Es ist schwer, die Teilnehmer des Kapitalmarktes zu überzeugen, nach Russland zu kommen", räumte David North, Aktien-Experte von Legal & General Investment Management. Die Investoren seien sich nicht sicher, dass sie einen Gewinn erzielen und vor allem dass sie ihr Geld aus Russland ausführen können, betonte er. Was beeinflusst noch die Entscheidung eines Geschäftsmanns über die Finanzierung von Projekten in Russland? In der Realität gibt es jede Menge an infrastrukturbezogenen Nuancen, die für Russen normal sind und oft nicht einmal bemerkt werden. Doch ausländische Unternehmer, die Geschäfte in verschiedenen Ländern der Welt betreiben und damit die Möglichkeit haben, die Situation in verschiedenen Ländern zu vergleichen, bemerken diese „Kleinigkeiten". Noch mehr als das: die Vergleichsergebnisse werden manchmal für große Finanzgruppen zum entscheidenden Grund, ihre Gelder nicht in Russland, sondern beispielsweise in der Türkei oder China anzulegen. Die unfreundliche Umgebung, schlechte Verkehrsinfrastruktur, Sicherheitsprobleme, unfreundlicher Empfang sowie Visaschwierigkeiten sind tatsächlich ein wichtiges Hindernis für ausländische Investitionen, bestätigt Michael Milken, Vorsitzender des Aufsichtsrates des Milken Institute. Ein Beispiel: um das russische Visum zu erhalten, sind viel Zeit und Geld erforderlich. Aber die Entscheidung über eine Geschäftsreise nach Russland wird manchmal binnen eines Tages getroffen. Sehr oft ist diese Reise unmöglich, weshalb die Treffen mit Geschäftspartnern verlegt werden müssen. Wenn ein Geschäftsmann doch nach Russland gekommen ist, dann muss er zunächst vom Flughafen in die Stadt kommen, was ebenfalls mit Schwierigkeiten verbunden ist. „Es ist nahezu unmöglich, einen Taxifahrer zu finden, der Englisch sprechen kann", sagt der Partner der Treuhandgesellschaft Treti Rim, Andrej Mowtschan. Dass die Russen Fremdsprachen nicht beherrschen, ist generell ein großes Problem, stellen potenzielle Investoren fest. In China ist das Englischlernen ein Muss. Russische Unternehmer kommunizieren mit ihren ausländischen Partnern immer noch mit Hilfe von Dolmetschern. Auch die mangelhafte Disziplin und Kultur sowie das niedrige Bildungsniveau des Personals sind für potenzielle Investoren irritierend. Es ist kein Geheimnis, dass es sehr schwer ist, einen hochqualifizierten und erfahrenen Technologen zu finden. Der Ausweg scheint sehr einfach zu sein - wertvolles Personal muss importiert werden. Doch die russischen Ausländergesetze sind kein richtiger Anreiz für hochqualifizierte und zahlungsfähige Arbeitskräfte, nach Russland umzusiedeln. Damit stehen einem Harvard-Professor und Nobelpreisträger, einem Ingenieur aus Osteuropa und einem Gastarbeiter aus Turkmenien gleiche Prozeduren für die Ausstellung der russischen Arbeitserlaubnis bevor. Mit Skepsis verhalten sich die Unternehmer auch zur fehlenden Mittelklasse in Russland, die bekanntlich die Stabilität im Land garantiert und gleichzeitig der potenzielle Verbraucher von Waren und Dienstleistungen ist. Dabei sollten das Lebensniveau und die Lebenserwartung dieser Menschen im Idealfall höher werden. Und diese Menschen sollten im Idealfall auch Investoren sein, denn die Investitionen der Russen in ihre eigene Wirtschaft wären ein positives Signal für ausländische Unternehmer. Derzeit zählen sich aber nur 15 Prozent der Russen zur Mittelklasse, so die Ergebnisse einer WZIOM-Forschung. Verwirrend finden westliche Unternehmer auch die Ansichten der jetzigen russischen Studenten zu ihrer eigenen Zukunft. Laut Umfragen wollen die meisten von ihnen nicht in Wirtschafts-, sondern in staatlichen Strukturen arbeiten. In anderen Ländern gelte Bill Gates oft als Idol, während in Russland Geschäftsleute nicht besonders respektiert werden, so Milken. „In Russland genießt vor allem ein Filmstar oder ein Wissenschaftler Anerkennung", stimmt Vizepremier Igor Schuwalow zu. Die Investoren freuen sich natürlich über die Beteuerungen der Regierung, das Steuersystem weiterhin zu liberalisieren, auch wenn sie keine Senkung der Steuersätze versprechen. Doch die Anwendung der Finanzgesetze ist manchmal wirklich verwirrend: die Bestimmungen unterschiedlicher Steuerinspektionen können sich widersprechen. Damit sind aber gerichtliche Auseinandersetzungen nahezu garantiert, die mehrere Monate oder sogar mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Angesichts dessen betrachten westliche Unternehmen Investitionen in Russland als äußerst riskant. Was die regionalen Behörden angeht, so ist ihr Vorgehen für potentielle ausländische Investoren manchmal frappierend. Wie Experte Andrej Mowtschan erzählte, werden ausländische Investoren in China oft gefragt, ob sie an gewissen Steuer- oder Mietvergünstigungen oder an einer besonderen Ausstattung interessiert wären. In Russland gibt es laut Schuwalow Städte, wo für den Geschäftsstart 150 oder 200 Belege und jede Menge Schmiergeld nötig sind. „In Omsk wurde ein potenzieller Investor gefragt, ob er schon etwas Gutes für Russland getan hätte, um die Genehmigung für die Aktivitäten hier zu erhalten", bestätigt Mowtschan. Ein ausländischer Investor, der an einem solchen Gespräch teilgenommen hat, verzichtet auf Investitionen in Russland für viele Jahre oder gar für immer und ewig. Russland verliert auf diese Weise viele Milliarden Dollar. Dieses Geld nehmen andere Länder mit Erfolg in Anspruch. Nur die Perspektive von Supergewinnen, die alle möglichen Risiken überdecken würden, könnte für ausländische Unternehmer zu einem Beweggrund für Investitionen in Russland werden. Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen. weitere Artikel zu diesem Thema
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