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Nächtliches Schlangestehen für ein iPhone

18:48 13/11/2007
MOSKAU, 13. November (Boris Kaimakow, RIA Novosti). Ich konnte meinen Augen nicht glauben: Ein deutscher TV-Sender berichtete aus dem Kölner Stadtzentrum über mehrere Hundert Menschen, die vor einem Shop der deutschen Telekom anstanden.

Im Herz der eigentlichen Hauptstadt von Nordrhein-Westfalen mit großen Supermärkten und Shops stehen Deutsche bis tief in die Nacht in der Schlange, was eine unglaubliche Sache ist.

Das führte die gewiefte Werbekampagne der Telekom und von Apple herbei. Sie setzten auf die psychologische Abhängigkeit vieler Konsumenten, geleitet von dem Wunsch, zum ersten stolzen und ersten Inhaber eines neuen Produkts zu werden: das iPhone.

Der Telekomshop in Köln wurde zur ersten Anlaufstelle in Deutschland, die das wundervollste Spielzeug für Erwachsene des Anfangs des 21. Jahrhunderts auf den Markt brachte. Egal wie wir der Überzahl an Fremdwörtern trotzen mögen, der Begriff iPhone wird bald auch bei uns Einzug halten.

Nichts anderes als diese US-Neuheit hat die deutschen Technikfans becirct. In Amerika sind bereits über eine Million iPhones verkauft worden. Auch in Russland sind die Verkaufszahlen recht hoch. Und das ruft in Amerika Ärger hervor. Die Europa-Offensive sollte mit Deutschland beginnen. Doch Russland liegt wieder einmal vorn. Offiziell gibt es in Russland keine iPhones. Doch im Internet werden sie tausendfach angeboten. Die Schuld wird wieder einmal der Schullehrer Ponossow tragen, wenn sich noch jemand an den Prozess gegen den Dorfschuldirektor wegen der Verwendung von unlizenzierten Windows-Kopien erinnern kann.

In der globalisierten Welt wachsen wie in der Retorte neue Bürger heran. Das Hauptmerkmal dieser neuen Rasse von Globalisten ist Kommunikation - jetzt, sofort, trotz aller Entfernungen, Witterungen, Störungen und was auch immer. Damit es nicht wieder „hallo, hallo, kannst du mich nicht hören, hast du das Foto nicht bekommen“ heißt. Wenn es das Glück nicht gibt, dann kann „ich hör dich - du hörst mich“ es recht gut ersetzen. Man muss nur dieses kleine Multimediagerät iPhone in die Hand nehmen, und schon bist du an das gemeinsame erdumfassende Denkvermögen angeschlossen. Du bist nicht allein im Weltall, man hört dich, man sieht dich, du bist gleichzeitig Sprecher und Hörer. Dieses Gefühl der eigenen Bedeutung und die Möglichkeit der persönlichen Identifikation hat ER dir geschenkt, der US-amerikanische Konzern Apple, der sich vielleicht nicht als Herren Gottes, aber bestimmt als Gründer einer neuen Religion sieht. Und die Menschen aus allen Ecken Deutschlands sind aus keinem anderen Grunde nach Köln gekommen: Sie wollen des neuen Mysteriums teilhaft werden.

Das Fernsehen zeigt die glücklichen Neubekehrten, die den Telekomshop mit dem Apple-Segen als Erste verlassen. Hier ist er, der iPhone, den ein junger Mann, eingemummt in eine Decke und zitternd vom nasskalten „kölschen Frost“, in der Hand hält. Er ist der Erste, und ganz Deutschland hört seine Zähne klappern. Er sagt, dass er Apple-Fan sei, dass er vier Stunden lang in der Kälte gestanden habe und dass der Apple-iPhone der beste in der Welt sei. Hört sich zu stark nach einem Werbeslogan an, um an die Aufrichtigkeit des Jugendlichen zu glauben. Doch Tatsache bleibt, dass er der erste offiziell heilig gesprochene Apple-Apostel ist, der das Wort an die Menschen in Europa übermittelt.

Diese Menschen wissen noch nicht genau, worin der Sinn der Anbetung des neuen Idols besteht. Und wenn der Reporter mit Begeisterung über die himmlischen Vorteile des iPhones zu berichten anfängt, ist bestimmt alles bezahlt. Der kleine Apparat vereint Handy, iPod und Internetzugang. Mit dem Display als Touchscreen kann der Nutzer etliche Funktionen wählen. 400 Euro kostet das Gerät, und für die „bescheidene“ Summe von 50 bis 80 Euro im Monat für Telekomleistungen kann der Kunde den iPhone-Touchscreen Tausende Minuten lang benutzen bis zum Verrücktwerden.

Und dennoch scheint mir, dass die unglaubliche Schlange nicht nur an dem neuen Spielzeug und seinen phantastischen Möglichkeiten liegt. Mir fiel ein, dass ich einst in einer riesigen Schlange zur Eingangskasse für ein Fußballspiel gefroren hatte. Die Schlange hatte eine eigene Energie, als Hunderte Menschen sich eng aneinander drücken mit einem Ziel: Nicht als Verlierer bei diesem seltsamen Vorspiel für das Fußballspiel herauszukommen. Das Schlangestehen wird zur eigenartigen Attraktion und sorgt für Adrenalinstöße, vor allem wenn du endlich vor dem heißersehnten Kassenfenster stehst.

Doch selbst der Gedanke, dass Schlangestehen Spaß machen kann, ruft bei den Russen, die in einer Welt mit lauter Mangelwaren aufwuchsen, nur Spott über den Sprecher hervor. Und plötzlich höre ich von den Deutschen in der Kölner Schlange, was ich in der Moskauer Schlange dachte. Ein Jugendlicher sagt, es mache einen Mordsspaß, mit so vielen Leuten zusammen Schlange zu stehen. Ein anderer fügt hinzu, er habe nur Angst gehabt, dass die Zahl der iPhones begrenzt sei und er keins bekomme. Doch dann wäre er damit getröstet, dass er mit den anderen zusammen gestanden habe, und jetzt, da er sein iPhone hat, sei er einfach glücklich.

Wirklich ein internationales Paradox, wenn ich das russische Sprichwort „Was einem Deutschen gut ist, ist für einen Russen Tod“ anders ausdrücken darf. Doch wir vermissen ja auch unsere Gemeinschaftswohnungen. Vielleicht hat Deutschland in Köln das seit langem vergessene Duft des vergangenen Zeit eingeatmet, als auch dort nach dem Krieg lange Schlangen für alles Lebensnotwendige standen: ein- und gleich ausgeatmet.

Die Meinung des Verfassers muss nicht mit RIA Novosti übereinstimmen.

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