
MOSKAU, 18. August (Wlad Grinkewitsch, RIA Novosti). Gestern vor zwölf Jahren, am 17. August 1998, konnten viele Russen ihren Wortschatz mit dem englischen Begriff „Default“ erweitern.
Kaum jemand kannte die genaue Bedeutung dieses Wortes, aber allen war klar: Es kommen schwere Zeiten. Das Land schien wieder in die frühen 90er zurückgefallen sein: Milliardenschwere IWF-Kredite lösten sich wie Zucker im Tee auf, Menschenmengen standen Schlange vor den Wechselstuben, die Banken stellten die Kredite ein. Der Wechselkurs des Rubels schrumpfte im Laufe weniger Wochen von sechs auf etwa 25 Rubel für einen US-Dollar. Tausende Menschen, die sich zur erfolgreichen Mittelschicht gezählt hatten, verloren ihre Bürojobs und mussten fortan in Lagerhäusern und Tankstellen ihr Geld verdienen. Alle stellten sich nur eine Frage: Warum konnte das passieren?
Präsident Boris Jelzin hatte am 14. August, also drei Tage vor dem Staatsbankrott, versichert: „Es wird keinen Absturz des Rubelkurses geben, das sage ich klar und deutlich… Jeden Tag wird in diese Richtung gearbeitet. Alles ist unter Kontrolle.“ Es ist schwer zu glauben, dass der Staatschef keine Ahnung von der wirtschaftlichen Situation im Lande hatte. Die Aktivitäten der russischen Führung zeugten deutlich davon, dass sich die Behörden seit mehreren Monaten auf den wirtschaftlichen Zusammenbruch vorbereitet hatten. Im Frühjahr 1998 wurde plötzlich Premier Viktor Tschernomyrdin entlassen. Sein Nachfolger wurde der kaum bekannte „junge Reformer“, ehemaliger Erster Sekretär der Komsomol-Gebietsverwaltung, Sergej Kirijenko, der später für die Krise schuldig gemacht werden sollte. Seit dieser Zeit war die Stimmung in der Gesellschaft mit bösen Erwartungen geladen. Alle Menschen, die auf diese oder jene Weise etwas mit Wirtschaft und Finanzwesen zu tun hatten, behaupteten, „etwas“ würde im Herbst passieren. Dennoch rechneten die Menschen heimlich damit, dass der Staat die Finanzkatastrophe verhindern könne. Der Staat schien jedoch alles zu tun, um in die Wirtschaftskrise zu schlittern, damit sich die Ereignisse nach dem schlimmsten Szenarium entwickeln würden.
Voraussetzungen für die Krise ließen sich bereits 1996 erkennen: Nach der erneuten Wahl Jelzins zum Präsidenten begannen die Behörden mit einem sehr riskanten Spiel: Es wurden staatliche Obligationen (russische Abkürzung: GKO) gegen Riesenzinsen (500 und noch mehr Prozent pro Jahr) emittiert. Im Grunde handelte es sich um eine staatliche Finanzpyramide neben zahlreichen privaten, die in Russland in den 90ern florierten. Als Gewinngarantie galt die von der Zentralbank unterhaltene „Devisenkorridor“, wobei ein Steuersatz für den GKO-Gewinn in Höhe von lediglich 15 Prozent versprochen wurde.
Bald stellte sich heraus, dass die vom Staat übernommenen Verpflichtungen die Gelder für ihre Tilgung übertroffen hatten, was allerdings mit der Logik von Finanzpyramiden übereinstimmte. Bereits Anfang 1998 wurde klar, dass der Staat im laufenden Jahr viel mehr Geld an die GKO-Besitzer zahlen müsste als Haushaltseinnahmen verbucht werden könnten. Laut der Zentralbank beliefen sich die potenziellen Auszahlungen auf 36 Milliarden Dollar, während die Reserve der Zentralbank bei lediglich 24 Milliarden Dollar lag. Eine Rolle spielte auch die 1997 in Südostasien ausgebrochene Krise, die die internationalen Ölpreise zum Einsturz brachte, wobei der Export von Kohlenwasserstoffen auch damals die wichtigste Stütze der russischen Wirtschaft war.
Später beteuerten die Behörden öfter, sie hätten aus der Krise 1998 vieles gelernt, so dass eine Wiederholung ausgeschlossen wäre. Auf den ersten Blick erscheint das glaubhaft: Es gibt keine neuen Finanzaffären nach dem GKO-Vorbild; es wurde ein Stabilisierungsfonds geschaffen, der später in den Reservefonds und den Zukunftsfonds verwandelt wurde. Dank diesem „Airbag“ konnten die negativen Folgen der Wirtschaftskrise 2008 tatsächlich abgefedert werden.
Viele Experten waren sich übrigens bei der Bewertung der Krisen von 1998 und 2008 einig, dass die letztere viel schlimmer als die erstere war. Ihre sozialen Folgen sind aber nicht so katastrophal wie vor zwölf Jahren. Haben die Regierenden wirklich etwas aus der Krise 1998 gelernt? Zum Teil.
Die Riesenreserven, die die führenden Wirtschaften der Welt akkumuliert hatten, haben katastrophale (wie sie von vielen Experten vorausgesagt worden waren) soziale Folgen verhindert. Aber die Krise ist ausgerechnet dadurch gefährlich, weil davon nicht ein Land bzw. eine Region, sondern die ganze Weltwirtschaft betroffen wurde. Wie lange sie noch dauern wird und wie die Perspektiven des globalen Wirtschaftssystems sind, weiß niemand genau. Erst unlängst behaupteten viele Branchenkenner, die Krise hätte ihren Tiefpunkt erreicht. Jetzt aber werden völlig andere Prognosen laut. Viele Experten sagen eine neue Runde der Talfahrt voraus. Erst vor wenigen Tagen gab die Bank Goldman Sachs (Mitteilung an die Kunden) bekannt, dass in den USA eine neue Rezession möglich wäre. Die anscheinend begonnene Wiederbelebung der US-Wirtschaft wurde von der Verbrauchernachfrage nicht unterstützt, weshalb ein Anstieg der Produktion, die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen usw. nicht zu verzeichnen war. Die Industrie ist wieder ins Stocken geraten, die Menschen ziehen es vor, ihr Geld zu sparen und nicht auszugeben. Der New Yorker Professor Nuriel Rubini, der als „Vorherseher der Krise“ bekannt ist, hatte davor bereits Anfang August gewarnt. Nach seinen Worten könnte die US-Wirtschaft bis zum Jahresende wieder zusammenbrechen. Die Wahrscheinlichkeit einer neuen Rezession wird von Branchenkennern auf 40 bis 50 Prozent geschätzt.
Für Russland ist besonders schlimm, dass das ausbleibende Wirtschaftswachstum in Amerika diesmal die Wirtschaften von China und Indien betreffen wird, was einen Einsturz der ohnehin zu hoch getriebenen Preise für Energieträger zur Folge haben wird. Dann muss Russland mit wirklich schweren Zeiten rechnen. Denn die russischen Behörden hatten aus der Krise 1998 das Wichtigste nicht gelernt: Sie war eine Chance, die nationale Wirtschaftsstruktur zu ändern, die aber verpasst wurde.
Der Absturz des Rubel-Wechselkurses spornte die Binnenproduktion an, was allerdings nur wenige Branchen betraf. Vor allem konnten dadurch die Nahrungsindustrie und das Kommunikationswesen profitieren. Ausländische Investitionen waren nur für Branchen bestimmt, wo durch die Produktion im Lande Zoll- und Logistikausgaben gespart werden konnten – es ging also wieder um die Nahrungsindustrie und den Automobilbau. Der Versuch zur Produktion von Kleidung und Haushaltsgeräten blieb angesichts des billigen Imports aus China erfolglos. Auf diesen Gebieten war der Aufwand für den Import noch geringer als der für die Produktion.
Statt eine neue Industrialisierung zu starten, verfolgten die russischen Politiker und Wirtschaftsbosse seit den frühen 2000ern den Anstieg der Ölpreise, der kein Ende zu nehmen schien. Unter solchen Umständen kamen die Industrialisierung und andere Reformen nicht einmal in Frage. Der Glaube an den ewigen Ölpreisanstieg löste festen Glauben an die Stabilität aus. Aber die russische Wirtschaft blieb genauso wehrlos gegen die Schwankungen der globalen Konjunktur wie vor zwölf Jahren.
Die relativ leichte Überwindung der Krise von 2008 bzw. 2009 löste einen gefährlichen Trend aus: Der Industriesektor verliert konsequent an Stabilität und spielt vielmehr eine soziale Rolle, indem er für die Beschäftigung der Bevölkerung zuständig ist. Das Unterpfand des Überlebens von Großunternehmen ist nicht ihre Konkurrenzfähigkeit, sondern die staatliche Unterstützung, die im Grunde eine Umverteilung der Einnahmen aus dem Rohstoffsektor in den realen Sektor bedeutet. Das Fazit: Die russische Wirtschaft hängt nach wie vor von den Schwankungen der globalen Konjunktur ab, genauso wie 1998. Es war pures Glück, dass die Rohstoffpreise nicht so stark abgestürzt sind wie vor zwölf Jahren.
Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.