Wissenschaft
Die Mystik der Sonnenfinsternis - Zufälle der Geschichte
MOSKAU, 28. März (RIA Novosti). Am Mittwoch, dem 29. März, erwartet die Erdbewohner eines der effektvollsten Naturschauspiele - eine Sonnenfinsternis. In diesem Jahr haben die Bewohner der südlichen Gefilde das Glückslos gezogen.
Mit ihnen können viele Touristen als Zugabe zu "All inclusive" die einzigartige und seltene Dienstleistung genießen. Die Finsternis nimmt um 8.36 Uhr nach Greenwich ihren Anfang, wenn sich der Schatten des Monds in der Gegend von Brasilien auf die Erde legt. Dort werden die Leute für etwa 1:53 Minuten eine volle Sonnenfinsternis erleben.
Mit einer Geschwindigkeit von 9 Kilometer pro Stunde wandert der Schatten dann über den Atlantischen Ozean zur Küste Afrikas, wo der Mond die Sonne um 9.08 Uhr verdunkeln wird. Weiter geht es nach Libyen und Ägypten, wo das Spektakel um 10.40 Uhr zu sehen sein wird. Über die Inseln Kreta und Zypern hinwegziehend, erreicht der Mondschatten dann die türkische Küste. In Antalya, dem beliebten Touristenmagneten in der Türkei, wird die Sonne für 3:36 Minuten vollständig hinter dem Mond verschwinden.
Seinen Abschluss findet die prachtvolle Inszenierung der Natur um 11.48 Uhr nach Greenwich, wenn der Mondschatten die Grenze der Nordmongolei erreicht haben wird. Die Entfernung von 14.500 Kilometer also wird der Mondschatten binnen 3:12 Stunden hinter sich bringen, so sagen die Insider.
Noch streiten die Gemüter, wo die Sonnenfinsternis am Besten zu sehen sein wird. Astrologen und Meteorologen behaupten indes jedoch, dass jeder, der eine Sonnenfinsternis sah, sehr viel Glück hatte. Denn nicht immer erweist man sich zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Schließlich kann einem auch noch das schlechte Wetter einen Strich durch die Rechnung machen. Ein trüber Tag und dichte Wolken am Himmel können den besten Platz für die Sonnenbeobachtung vermiesen. Der März ist auf der nördlichen Halbkugel nun einmal nicht der klarste und beständigste Monat.
Seine Wanderung über das Territorium Russlands beginnt der Mondschatten in den Bergen des Kaukasus. Nur kurz zuvor, bevor er uns erreicht, fällt er auf Georgien, oder genauer noch, auf Abchasien. Von dort aus geht es weiter gen Russland, wo er den berühmten Skikurort Dombai und die umliegenden Ortschaften verdunkeln wird. Dann erreicht er für 1:23 Minuten Karatschajewsk. Fast gleichzeitig verschwindet die Sonne in Kislowodsk, Jessentuki und Mineralnije Wody, wo die volle Phase der Sonnenfinsternis etwas mehr als 2 Minuten andauern wird. Der bekannte Gebirgskurort Baksan, praktisch im Zentrum des Geschehens, erlebt das Schauspiel für 3:17 Minuten. Die Urlauber an den Hängen des Elbrus werden das fantastische Bild der Finsternis von den Massivhöhen umringt verfolgen können, vorausgesetzt das unbeständige Wetter spielt auch mit.
Eigentlich bietet die Naturerscheinung der Sonnenfinsternis schon lange kaum noch etwas Mystisches oder Geheimnisvolles. Fachleute haben schon vor etlicher Zeit begriffen, wie der Gang der Sonnenfinsternis vorausbestimmt werden kann. Doch die sagenhafte Schönheit des mehr als erstaunlichen Vorgangs verblasst in den Augen der Betrachter dennoch nicht. Die Finsternis beginnt am rechten Rand der Sonne. Wenn sich der Mond dann vollends vor die Sonne schiebt, macht sich ein Halbdunkel breit, ähnlich wie in Novembertagen. Am verdunkelten Himmel erscheinen die klarsten Sterne und Planeten. In diesem Augenblick umgibt die Sonne ein strahlender, perlenfarbiger Glanz, die Sonnenkorona, welche die äußersten Schichten der Sonnenatmosphäre darstellt. Wegen ihres geringen Kontrasts im Vergleich mit der Helligkeit des Tageshimmels ist sie aber außerhalb der Finsternis nicht sichtbar. Jahr für Jahr verändert die Korona ihr Aussehen in Abhängigkeit von der Sonnenintensität. Über den gesamten Horizont hinweg erstrahlt ein Feuerschein, ausgehend von den benachbarten Zonen, wo die Sonne nur teilweise verdeckt wird.
Eine gewisse Mystik erwächst auch daraus, dass der Mond im Vergleich zur Sonne nur ein Bruchteil von der Erde entfernt und viel kleiner als die Sonne ist. Wäre der Mond etwas weiter entfernt oder etwas kleiner, würden die Erdbewohner das pracht- und geheimnisvolle Spektakel nie zu sehen bekommen.
Natürlich, Viele wollen sich das Erlebnis nicht entgehen lassen. So lassen es sich die arabischen und libanesischen Satellitenfernsehstationen auch nicht nehmen, die Sonnenfinsternis am 29. März aus dem Libanon direkt zu übertragen, und zwar vom Dach eines der Wolkenkratzer im Zentrum von Beirut.
Ohne Zweifel ruft ein solch einmaliges Naturschauspiel bei den Menschen ein ganz urwüchsiges Interesse hervor. Es ist zur Genüge bekannt, dass Sonnenfinsternisse schon von den ältesten Zivilisationen geschildert worden sind.
Schließlich bleibt zu bemerken, dass die Sonnenfinsternis sich traditionell auf die eine oder andere Weise auf das Leben der Menschen auswirkt. Recht häufig verhalf das Ereignis den Forschern der Gegenwart zu Erkenntnissen über wichtige Geschichtsdaten oder mitunter über uralte Systeme von Zeitrechnungen.
Oft diente die Finsternis als wichtiges Merkmal in der Kette historischer Ereignisse. So setzte die vom griechischen Philosophen, Astronomen und Mathematiker Thales von Milet vorausgesagte Sonnenfinsternis im Jahre 585 vor unserer Zeit dem sechsjährigen Krieg zwischen den Lydern unter König Alyattes und den Medern unter Kyaxares II. um die Vorherrschaft in Kleinasien ein Ende. Die Kontrahenten sahen in dem abrupten Naturereignis ein Zeichen Gottes und schlossen Frieden, nachdem sie sich auf die Grenzziehung am Fluss Halys geeinigt hatten.
Wissenschaftler und Astrologen vermerken eine Reihe der wichtigsten historischen Ereignisse, die im Leben der Gegenwart ihre Spuren hinterlassen haben.
In erster Linie ist das die Finsternis, die die Geburt von Jesus Christus begleitete. Nach dem Neuen Testament ging dem Tod von Jesus auch ein Wunder voraus, denen sich die Evangelisten jeder auf seine Weise widmeten. Die Sonnenfinsternis brachte der Welt nicht nur die Nachricht über den Retter, sondern überragte auch sein blutiges Ende.
Zutreffend überliefert wurde, dass das "Lied des Heeres von Igor" der Feder eines bis dato unbekannten Autoren zu verdanken ist, der sie unter dem unmittelbaren Eindruck der Sonnenfinsternis vom 1. März 1185 zu Papier gebracht hat, kurz vor dem Feldzug von Fürst Igor gegen die Polowzer. In der Chronik des Ipatewskij-Klosters heißt es, Igors Heerscharen hätten sich in der Gegend des Dons gesammelt und schickten sich schon an, ihn zu überqueren, als der Fürst gen Himmel sah und die partiell verdeckte Sonne erblickte. Trotz der Warnungen seiner Umgebung, das sei ein übles Zeichen, setzte er den Feldzug fort, der ihm Niederlage und Gefangenschaft einbrachte.
Dank einer Sonnenfinsternis erschien auch ein Staat auf der Weltkarte, der heute eine mehr als gewichtige Rolle spielt: die USA. Am 1. März 1504 rief Kolumbus gegen Abend die Indianerhäuptlinge zusammen und schüchterte sie ein, er würde den Mond vom Himmel entwenden, woraufhin die Indianer sterben müssten. Abends ging der Vollmond auf, doch schon bald legte sich ein roter Schleier über ihn. Die Eingeborenen ergriff eine unermessliche Angst, und sie eilten mit Nahrungsmitteln und Treueschwüren herbei, den fremden Weißen beschwörend, er möge ihnen den Mond zurück geben, was Kolumbus dann auch kurz darauf tat.
Auch in Russland hinterließ eine Sonnenfinsternis Spuren. Karl Marx wurde am 5. Mai 1818 in der Stadt Trier geboren, und zwar an einem Tag der Sonnenfinsternis. In Deutschland war sie nicht wahrzunehmen, dafür aber wurde sie in Russland beobachtet, besonders gut in Sankt Petersburg. In Russland war es denn auch, wo Marxschen revolutionäre Ideen in der Praxis überprüft wurden. Sankt Petersburg wurde die Heimstätte dreier Revolutionen.
Die Sonnenfinsternis im Sommer 1945 brachte die Siegesparade am 24. Juni, außerdem fand der erste Atombombenversuch in der Geschichte der Menschheit statt, den die USA am 16. Juni unternahmen. Prinzessin Diana kam am 31. August 1997 tragisch ums Leben, genau einen Tag vor einer Sonnenfinsternis. Mutter Theresa sagte, als sie davon erfuhr: "Ich verstehe nicht immer Gottes Wege. Vermutlich bedeutet der tragische Verlust viel mehr, als wir erahnen können".
Bis heute wird der Sonnenfinsternis etwas Mystisches zugesprochen. In der kleinen türkischen Stadt Niksar, 400 Kilometer von der Hauptstadt, verbreiten sich panische Gerüchte über ein bevorstehendes Erdbeben. Die Bevölkerung stellt in Straßen und Parks Zelte auf, denn sie sind überzeugt, dass der Stadt nach der Sonnenfinsternis am 29. März die Vernichtung durch Erdstöße droht. Nicht auf wissenschaftlichen Prognosen beruht das Gerücht, sondern darauf, dass die Stadt vor sieben Jahren bei einem Erdbeben nach der damaligen Sonnenfinsternis 17 000 Tote zu beklagen hatte. Die Zahl der mit Fernsehern ausgestatteten Zelte wächst von Tag zu Tag. Die Leute glauben schon lange nicht mehr an Gottes Gnade und sind bestrebt, das Leben in vollen Zügen zu genießen, und zwar auch die unvergesslichen Eindrücke, die am Mittwoch die bevorstehende Sonnenfinsternis für sie bereit hält.
Material der Internet-Redaktion www.rian.ru auf der Grundlage von Berichten der RIA Novosti und anderen Quellen.

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