Wissenschaft
Russlands Mathematiker warnen vor Zerfall des Landes
Darüber schrieb die Zeitung Nesawissimaja Gazeta in ihrer Wissenschaftsbeilage vom 14. November.
"Wir erleben gemeinsam die Geburt einer neuen Wissenschaft", verkündete in seinem Eröffnungsreferat Professor Georgi Malinetzki vom namhaften Keldysch-Institut, die Geburt der "mathematischen Geschichtswissenschaft".
Malinetzki beschrieb die Mathematik als eine Wissenschaft, die noch in der jüngsten Vergangenheit nur zur Lösung eines relativ kleinen Kreises von Fragen imstande war. Mit der neuen mathematischen Disziplin ist ihr aber jetzt auch das "historische Chaos" zugänglich, selbst wenn nur partiell.
Er billigt der neuen Wissenschaft neben der beschreibenden Funktion, die der Geschichtsschreibung nun einmal eigen ist, zwei zusätzliche Methoden zu, die heute unverzichtbar sind: eine analytische und eine prognostische. Mit anderen Worten, die neue Wissenschaft wird in den historischen Vorgängen auf einer neuen Ebene Klarheit schaffen und Prognosen abgeben, die an Präzision nichts zu wünschen übrig lassen.
Die neue Wissenschaft befinde sich noch im Keim, denn ihre Prognosen unterscheiden sich nicht grundsätzlich von den bisher bekannten: Sie sind auch ziemlich besorgniserregend.
Das Hauptmotiv: Im nächsten Jahrzehnt erwartet Russland eine Katastrophe. Ein Referent erinnerte an den 100-jährigen Zyklus, der zumindest seit dem 17. Jahrhundert als ständiger Wegbegleiter der russischen Geschichte gilt.
Jedes Jahrhundert wird in Russland, so die Theorie, durch tragische Ereignisse eingeleitet. Die Jahre von 1610 bis 1613 sind unter dem Begriff der Großen Wirren oder der Smuta in die Geschichte eingegangen. Der blutige Krieg der Russen gegen die Schweden dauerte von 1708 bis 1709. Von 1812 bis 1814 zog Napoleon gegen Russland. 1917 triumphierte die sozialistische Oktoberrevolution mit ihren berühmt berüchtigten Folgen.
Es wurde auch die mathematische Begründung des 100-jährigen Zyklus zur Diskussion gestellt, darunter auch anhand von Diagrammen. So wurden beispielsweise die Veränderungen beim zeitlichen Tempo des Zerfalls der russischen Staatlichkeit demonstriert.
Zunächst verlief die Zersetzung sehr langsam. Vom Zerfall des Kiewer Rus bis zum Ende Moskowiens oder auch Moskauer Zarstwo gingen 600 Jahre ins Land. 300 Jahre existierte das Russische Imperium, bis es 1917 zusammenbrach. Die Sowjetunion zerfiel 74 Jahren später.
Wenn diese Tendenz sich geradewegs so fortsetzt, dann trennen den 1991 ausgerufenen Staat Russische Föderation von seinem Zerfall, so die Annahme, nicht einmal mehr 30 Jahre.
Die Historiker und Mathematiker riefen sich gegenseitig noch weitere nicht sehr angenehme Fakten ins Gedächtnis. So führten sie zum Beispiel an, dass Russland zehn Prozent der Weltreichtümer sein eigen nennen darf, jedoch nur einen Anteil von einem Prozent an der Weltproduktion aufzuweisen hat.
Ein weiterer Historiker verwies darauf, dass Russlands Bevölkerung trotz ihrer katastrophal kurzen Lebenserwartung acht bis zehn Jahre länger lebt, als es ihr Einkommen eigentlich erlaubt.
Kennzeichnend ist auch der Unterschied in der durchschnittlichen Lebenserwartung, die die Männer von den Frauen trennt. Er entspricht dem Unterschied, der zu Zeiten des Großen Vaterländischen Krieges beobachtet wurde. Die Frauen leben wesentlich länger.
Die Wissenschaftler präsentierten nicht nur ihre eigenen Prognosen, sondern führten auch Aussagen ihrer ausländischen Kollegen an. Auch sie sagen Russland eine Krise mit einer darauffolgenden Katastrophe für das erste Drittel des 21. Jahrhunderts voraus.
Es bedarf gewaltiger Anstrengungen, so warnten die Wissenschaftler, um in der Zukunft einen Zusammenbruch zu vermeiden. Der Krise müsse ins Auge gesehen, eine vernünftige Finanzpolitik betrieben, die Richtung der Entwicklung bestimmt und eine innovative Wirtschaft geschaffen werden.
Dieses düstere Bild wird etwas durch die Erinnerung an die häufig anzutreffende Wahrheit erhellt, dass alle Prognosen in einem Punkt übereinstimmen: Sie gehen nicht auf.
Auf der Konferenz wurde aber auch auf die Prognosen eingegangen, die sich bewahrheitet haben. So hatte die sowjetische Regierung Mitte der 80er Jahre beim Institut für angewandte Mathematik eine Prognose in Auftrag gegeben, die dann einer strengen Geheimhaltung unterlag. Die Voraussage lautete: Die Sowjetunion wird im Jahr 1991 zerfallen.

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