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Panorama

"Wedomosti": Erzeugung eines Feindbildes wurde zum Instrument der Staatspolitik

15:56 07/06/2006
MOSKAU, 07. Juni (RIA Novosti). Russlands Einwohner überwinden die Krise der nationalen Identität auf eine gewohnte Art und Weise. Wie die jüngsten Meinungsumfragen zeigen, entstehen im Bewusstsein der Bürger langsam Bilder eines äußeren Feindes, schreibt die Tageszeitung "Wedomosti" am Mittwoch.

Nach Angaben der Meinungsforschungsinstitute FOM und WZIOM waren mehr als 50 Prozent der russischen Bürger in den 90er Jahren sowie in den Jahren 2001 und 2002 positiv gegenüber den USA eingestellt. Zwischen 13 und 20 Prozent standen negativ zu diesem Land. Nun nennen lediglich fünf Prozent der Befragten (2005 waren es elf) die USA ein Freundesland. Der Anteil derjenigen, die die USA als einen Feind aufnehmen, stieg indessen von 23 auf 37 Prozent. Nur 22 Prozent bewerten den amerikanischen Einfluss auf Russland als positiv. 58 Prozent der Befragten vertreten eine direkt entgegengesetzte Meinung. Laut einer WZIOM-Umfrage im Mai ist auch die Nato zu einem Feind geworden: 40 Prozent sind der Auffassung, dass diese Organisation Russland bedroht.

Nach Ansicht von Experten des Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentr ist der Stimmungswechsel auf die isolationistische Rhetorik russischer Spitzenpolitiker und die reale Außenpolitik Moskaus zurückzuführen. Außerdem wird er von der in russischen Medien geschürten Spionemanie sowie von den Spannungen in den Beziehungen mit einigen Nachbarn im GUS-Raum provoziert.

Das Feindbild bietet die Möglichkeit, die patriotischen Stimmungen zu verstärken, die Gesellschaft zusammenzuschließen und diese lenkbarer zu machen. Nach Meinung von Psychologen ist der Mensch unter den Bedingungen einer Krise bereit, auf die eigene Individualität im Austausch gegen das Gefühl der Geborgenheit zu verzichten, das der Zusammenschluss zu einer Gruppe bringt. Daraus ergibt sich die Entstehung zahlreicher Subkulturen, die sich nach ethnischen, regionalen oder politisch-mythologischen Merkmalen identifizieren lassen. Die negativen Gründe für die Identifizierung einer Gruppe - die Bilder eines Fremden und eines Feindes - sind dabei mitunter wesentlich stärker und effektiver als die positiven.

Nach den radikalen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen der 90er Jahre in Russland besteht hier eine Identitätskrise auf der Staatsebene. In der öffentlichen Diskussion entfaltet sie sich zu einer endlosen Suche nach der berüchtigten nationalen Idee.

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