RIA Novosti

Vatikan und Moskauer Patriarchat gehen auf Tuchfühlung – „Nesawissimaja Gaseta"

13:29 21/07/2010

Im Dezember vorigen Jahres berichtete die westliche Presse wieder einmal von einem möglichen Treffen zwischen Papst Benedikt XVI. und dem Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill.

MOSKAU, 21. Juli (RIA Novosti). Im Dezember vorigen Jahres berichtete die westliche Presse wieder einmal von einem möglichen Treffen zwischen Papst Benedikt XVI. und dem Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill.

Vertreter der Russisch-Orthodoxen Kirche und Experten hielten sich mit Stellungnahmen zurück, schreibt die Zeitung „Nesawissimaja Gaseta" am Mittwoch. Damals sah es so aus, dass eine Versöhnung der Kirchen in absehbarer Zukunft nicht zu erwarten sei. Dann kam es jedoch zu einer Wende. Die Chance auf ein historisches Treffen ist zum Greifen nahe.

In letzter Zeit hat sich Patriarch Kyrill wohlmeinend über den Papst geäußert. Das neueste Beispiel ist sein Interview für ukrainische Medien, das von beiden Seiten abgesprochen schien. "Die Position von Papst Benedikt XVI. stimmt uns optimistisch", sagte Kyrill ukrainischen TV-Journalisten. "Vielleicht wird er von liberalen Theologen und liberalen Massenmedien im Westen genau aus diesem Grund so sehr kritisiert, doch fällt seine Position in vielen gesellschaftlichen und moralischen Fragen gänzlich mit der Position der Orthodoxen Kirche zusammen."

Die Mitarbeiter des Apparats des Patriarchen suchen nach praktischen Wegen der Zusammenarbeit mit den westlichen Christen. So traf sich vor etwas mehr als einer Woche Igumen Filipp (Rjabych), Vizeleiter des kirchlichen Außenamtes der Russisch-Orthodoxen Kirche, mit Pater Adolfo Nicolas, Generaloberer der "Gesellschaft Jesu". Bei der Zusammenkunft wurde die Möglichkeit einer gemeinsamen Förderung der christlichen Werte in der europäischen Gesellschaft erörtert, darunter unter Auswertung der Erfahrungen des Jesuitenordens bei der religiösen Aufklärung.

Ein weiterer Weg zur Annäherung zwischen dem Vatikan und Moskau führt bemerkenswerterweise über Polen, wo eine Arbeitsgruppe der Russisch-Orthodoxen und der Katholischen Kirche in Polen gebildet wurde. Die Gruppe soll ein Dokument über den Beitrag beider Kirchen zur Aussöhnung der Völker beider Länder ausarbeiten. Eine besondere Phase in den Beziehungen zwischen dem polnischen Katholizismus und der russischen Orthodoxie begann im April, als nach dem Tod von Präsident Lech Kaczynski sich beide Staaten annäherten. Patriarch Kyrill sagte damals, dass die Gedenkstätte Katyn ein Ort des gemeinsamen Gebets sei.

Während die russischen Behörden eifrig gegen die Geschichtsverfälschung des Zweiten Weltkriegs und die Versuche kämpfen, die Verbrechen des Stalinismus gegen den russischen Einfluss in Europa auszunutzen, kam die Idee auf, der Russischen Kirche die Leitung der gesamteuropäischen Versöhnungsbewegung bei angemessener Beurteilung des sowjetischen Erbes vorzuschlagen. Damit könnten polnischen, ukrainischen und sonstigen Nationalisten die Argumente genommen werden.

"Einige Leute befürchten, dass die Anerkennung der Opfer der sowjetischen Vergangenheit die Würde des heutigen Russland gewissermaßen schmälern würde", sagte Igumen Filipp (Rjabych) am Vorabend des 70. Jahrestags der Tragödie von Katyn. "Doch das heutige Russland ist ein anderes Russland, ein Russland, das 1991 seine Wahl getroffen und den Weg seiner Geschichte verändert hat. Die historische Reue kam, als unser Volk den staatlichen Atheismus und das ideologische Monopol aufgab."

© 2010 RIA Novosti